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Confuzzled like Max
September 28th, 2010 by Taymur Teardrop

Seit ein paar Wochen läuft „Mary & Max“ in den deutschen Kinos. Der erste abendfüllende Stop-Motion-Film des Australiers Adam Elliot erzählt die Geschichte der Brieffreundschaft zwischen Mary Daisy Dinkle und Max Jerry Horovitz. Das ungleiche Paar dekliniert dabei die Vektoren der Freundschaft und der Normalität durch.

Der Inhalt sei hier nur kurz zusammengefasst, um niemandem die Sehfreude zu verderben. Mary ist zu Beginn ein achtjähriges Mädchen, das in einem Suburb von Melbourne mit ihrer Mutter, eine alkoholabhängige Peggy Bundy, und ihrem Vater, der sich mehr für tote Vögel als seine Tochter interessiert, lebt. Ihr Leben ist recht einsam und so nimmt sie Kontakt zum New Yorker Max auf, um zu erfahren wo in Amerika die Babys herkommen. Der Vierziger hat sich in seinem einsamen Leben bereits eingerichtet, erwidert Marys Briefe aber voller Hingabe und es entsteht eine charmante Beziehung zwischen einem Erwachsenen und einem Kind, deren Verlauf über zwanzig Jahre erzählt wird.

Im Laufe der Jahre wird Max als Asperger diagnostiziert, womit endlich seine Probleme mit der Umwelt erklärt sind. Er selbst erklärt auch das Asperger-Syndrom:

http://www.youtube.com/watch?v=mSSCIqsvQK4

So kurz und knapp wie diese Erklärung ist auch die Darstellung seiner Eigenheiten im Film. Eine differenzierte Sicht ist in der Populärkultur sowieso nicht vermittelbar, doch die Vermittlung bedient keine Klischees und ist stets gut pointiert. Als Asperger-Autist hat man allerhand Gelegenheiten über sich selbst zu lachen und sich mancher Traurigkeit und Enttäuschung zu erinnern. Bleibt nur zu hoffen, dass die überzogenen autistischen Züge beim unbedarften Zuschauer nicht als Stereotyp und Gradmesser hängen bleiben. Vor allem der unsichtbare Freund ist bei Autisten doch eher die ganz große Ausnahme. Und bei denen, die sich so einen zugelegt haben, eher ein kognitives Spiel denn eine Halluzination, die die Darstellung nahe legt.

Immerhin verrät der Abspann, dass einige Fachleute, darunter Tony Attwood, Elliot beraten haben. Auch finden sich manche Reminiszenzen an autistische Kultur wie Liane Holliday Willeys „Pretending to be Normal“ oder ein T-Shirt der „Aspies For Freedom“.

Auch das Ausdrucksmittel weist auf die abstrakte Ebene und ist absolut aspie-tauglich. Eine stringente Knet-Comic-Ästhetik bietet den Detailverliebten einige Freuden und verwahrt sich gegen hektischen, unübersichtlichen Photorealismus, der heuer zumeist mit Computern produziert wird. Entgegen den Spielfilmen mit Asperger-Protagonisten (jüngstens „Adam“ oder „My Name Is Khan“) bleibt den Zuschauern die Notwendigkeit zur Reflektion des Gesehenen nicht erspart, ihnen wird kein Abziehbild in die Hand gegeben.

Have you ever been a communist?

Max

Sympathisch an dem Film ist, daß der Film keine Normalisierung als Verheißung bietet, die Normalisierung verneint und die Verheißung letztlich als solche entlarvt. Georg Seeßlen charakterisierte den Behindertenfilm folgendermaßen:

Der Behindertenfilm ist an der Oberfläche eine Art appellatives Feelgood-Movie, und in den Kritiken liest man dann gerne Worte wie »menschlich«, »unsentimental« und immer wieder »ganz normal«. Eben darum geht es nämlich, um die Konstruktion der Normalität.

Georg Seeßlen: Eingeschränkte Bewegungsbilder. Anmerkungen zum neuerlichen Boom der Behindertenfilme. In: Jungle World 34/2010

Nichts davon trifft zu, und während die beiden vorher erwähnten Spielfilme mehr oder weniger so zu beschreiben sind und in die Kategorie Behinderten-Liebesfilm fallen, macht es Freude Mary und Max‘ Freundschaft zu verfolgen. Kein Happy End, auch kein verstecktes, das hinter einem offenen Ende lauert. Wie im richtigen Leben, der Tragödie mit verdammt komischen Momenten.

In Berlin ist der Film übrigens in ein paar Kinos als OmU zu sehen.

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