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Pejorativier mir!
Oktober 25th, 2010 by Taymur Teardrop

Sabine Kiefner meinte neulich zu den üblen Überschriften, die ein paar Lokalzeitungen zur Auseinandersetzungen um einen autistischen Schüler wählten, dass diese „höchstens neue Vorurteile“ schaffe. Das schafft übrigens auch der von ihr angeführte Artikel mit dem Über-Titel „Geheimnisvolle Psycho-Krankheit: Autismus – Gefangen im ich“ auf bild.de, der unter anderem mal wieder fälschlicherweise Kim Peek als Autisten listet. Respektive schreibt die Vorurteile weiter. Die enorme, aber eben von Autisten so häufig beseufzte stereotypbildende, Wirkung von „Rain Man“ geht sogar so weit, dass Dr. Tanja Sappok – klinisch arbeitende Neurologin aus Berlin – den Film neulich in einem Vortrag zur Autismusdiagnose bei erwachsenen Menschen mit „geistiger Behinderung“ als Literaturempfehlung angab. Im Ernst! Um aber zum eigentlichen zu kommen:

Es muss einen ja nicht kümmern, was die Identitäts-Wochenzeitung für jugendliche und im Jugendlichen verharrende Post-Antideutsche Jungle World so veröffentlicht. Obwohl in letzter Zeit doch wieder mehr Artikel ohne Wiederholungen, die so manchen Mist auch nicht wahrer machen, aber das Klientel bei der Stange halten, und ohne Linken-Bashing veröffentlicht werden1. Einen Blick hinein zu werfen lohnt sich also, um die eine oder andere Perle zu finden, die findige Autoren scheinbar anderswo nicht unterkriegen. Warum auch immer der Redaktion nichts anderes für die Disko-Seite, die der linken Debatte ein Forum sein soll, einfiel: Dort werden in der aktuellen Ausgabe – lakonisch und manchmal lustig – die acht miesesten Studienfächer vorgestellt. Magnus Klaue, der vor vier Wochen im selben Blatt treffend über Gefühlsstalinisten sinnierte, beschreibt darin die Gender Studies als

ein von autistischen Psychogurus ersonnenes Hirntrübungs- und Sprachvernichtungsprogramm

Und doch ist es ärgerlich wie man hier als Autist in einem Blatt, das sich Aufklärung und Emanzipation auf die Fahnen geschrieben hat, implizit diffamiert wird. Der Begriff Autismus zeigt sich hier klar als Pejorativ, der immerhin noch kein reiner ist, sondern wohl noch so etwas wie Ich-Bezogenheit und Ignoranz meint. Die Unbestimmtheit der Bedeutung aber wird deutlich, lässt man das Wort aus dem Satz heraus; es entpuppt sich als schmückendes Beiwerk, die Bedeutung des Satzes erfährt keinen Verlust. Erörterungen zum Verhältnis von Autismus zu trüben Hirnen und vernichteter Sprache – geschenkt, es sind halt paradoxe.

In derselben Ausgabe schafft es Elke Wittich übrigens den Begriff ohne abwertende Konnotation in ihrem Artikel zum Tode Bruno Schleinsteins zu verwenden.

Leider ist mir keine Untersuchung zur Entwicklung des Adjektivs autistisch zum Pejorativ bekannt, hypothetisch könnte die aber ungefähr so aussehen: Über Jahrzehnte harrte es als Auszeichnung von Schizophrenien (Bleuler 1911) oder Psychopathen (Asperger 1943) im Gebrauch von Nervenärzten. Als denen klar wurde, dass das, was sie da beobachten, originär doch nichts mit Schizophrenie und Psychopathie zu hat, bilden sie daraus den Autismus als eigenes Störungsbild. Irgendwie gelangte der Begriff in die Populärkultur – Rain Man ick hör Dir trapsen – und fortan werden Politiker oder andere Spinner damit garniert. Im Privatgebrauch auch mal jemand, der gerade nicht so kommunikativ ist wie der Sprecher es will. Die redaktionell bearbeiteten Aussagen nicht-autistischer Wissenschaftler, die gelegentlich aus verschiedenen Anlässen in der Tagespresse publiziert werden, trugen letztlich ihren Teil bei. Und es ist beileibe nicht einfach Normalos das ganze Ding zu erklären – davon kann ich ein Lied singen.

Ich warte schon auf den Tag, an dem einem Halbstarke nicht „Spast!“ sondern „Autist!“ bei mangelnden Argumenten oder Wortwitz entgegenwerfen. Trifft es mich, werd‘ ich mich wahrscheinlich fragen woher die das wissen, kann mir den Hinweis auf die Respektlosigkeit gegenüber meinen Freunden mit Spasmen sparen und mich sofort abwenden. Trifft es Nicht-Autisten, werd ich mir ob der Identifikation eine beleidigte Haltung wohl nicht sparen können.

Vielleicht bleibt der Gebrauch als Pejorativ aber auch Menschen mit Hochschulreife vorbehalten. Denen käme es niemals in den Sinn sich über so offensichtliche Beeinträchtigungen wie abzappelnde Spastiker lustig zu machen. Das gehört sich ja nicht.

  1. Exemplarisch dafür steht Jörg Sundermeiers Kolumne „Der letzte linke Student“, die hat schon lange jegliche Selbstironie abgeworfen und die Form hat sich überlebt. Das geht jetzt schon wieviele Jahre so? []

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