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It’s the politics, stupid!
Januar 1st, 2011 by Taymur Teardrop

Das Jahr 2010 ist um. Und es war nicht das einfachste für mich, aber mit Sicherheit eines der interessantesten. Wenn nicht sogar das interessanteste, doch dies zu bewerten, dazu fehlt mir noch der Abstand. Denn so eine Asperger-Diagnose kriegt man nur einmal im Leben – also mir reicht einmal – gestellt, und die eröffnet einem doch so einige neue Perspektiven.

Die letzte im vergangenen Jahr war, wie sehr ich ein Objekt von Biopolitik bin. Denn mit Wirkung zum 1. Januar 2011 (das ist ja heute!) gälte ich nicht mehr als schwerbehindert, so ich denn einen entsprechenden Ausweis beim Versorgungsamt beantragt hätte, was in meiner jetzigen, gemeinhin als prekär zu charakterisierenden, Situation wenig Sinn gemacht hätte. Bisher war die Bestimmung des Grades der Behinderung (GdB) bzw. des Grades der Schädigungsfolgen (GdS)1 bei Menschen mit Asperger-Diagnose eher unklar und von Bundesland und Sachbearbeitern abhängig. Einen GdB von 50 zuerkannt, und somit eine Schwerbehinderung, zu bekommen war aber durchaus möglich und die Regel. Nun hat der Bund die Versorgungsmedizin-Verordnung (VersMedV) geändert und die Bestimmungen wie folgt konkretisiert:

Teil B wird wie folgt geändert:
a) In Nummer 3.5 werden die Wörter
„Autistische Syndrome
leichte Formen (z. B. Typ Asperger) 50 – 80
sonst 100“
durch die Wörter
„Eine Behinderung liegt erst ab Beginn der Teilhabebeeinträchtigung vor.
Eine pauschale Festsetzung des GdS nach einem bestimmten Lebensalter ist nicht möglich.
Tief greifende Entwicklungsstörungen (insbesondere frühkindlicher Autismus, atypischer Autismus, Asperger-Syndrom)
Bei tief greifenden Entwicklungsstörungen
– ohne soziale Anpassungsschwierigkeiten beträgt der GdS 10 – 20,
– mit leichten sozialen Anpassungsschwierigkeiten beträgt der GdS 30 – 40,
– mit mittleren sozialen Anpassungsschwierigkeiten beträgt der GdS 50 – 70,
– mit schweren sozialen Anpassungsschwierigkeiten beträgt der GdS 80 – 100.
Die Kriterien der Definitionen der ICD-10-GM Version 2010 müssen erfüllt sein.
Soziale Anpassungsschwierigkeiten liegen insbesondere vor, wenn die Integrationsfähigkeit in Lebensbereiche (wie zum Beispiel Regel-Kindergarten, Regel-Schule, allgemeiner Arbeitsmarkt, öffentliches Leben, häusliches Leben) nicht ohne besondere Förderung oder Unterstützung (zum Beispiel durch Eingliederungshilfe) gegeben ist oder wenn die Betroffenen einer über das dem jeweiligen Alter entsprechende Maß hinausgehenden Beaufsichtigung bedürfen. Mittlere soziale Anpassungsschwierigkeiten liegen insbesondere vor, wenn die Integration in Lebensbereiche nicht ohne umfassende Unterstützung (zum Beispiel einen Integrationshelfer als Eingliederungshilfe) möglich ist. Schwere soziale Anpassungsschwierigkeiten liegen insbesondere vor, wenn die Integration in Lebensbereiche auch mit umfassender Unterstützung nicht möglich ist.“

Quelle: Drucksache 713-10 des Bundesrats (via Sabine Kiefner)

Ich kann mir nicht nur selbst die Schuhe zubinden, sondern habe ohne „besondere Förderung oder Unterstützung“ eine gewöhnliche Schullaufbahn durchlebt, hänge in meinem Studium fest und habe einen Job, in dem ich mich ironischerweise um die Förderung und Unterstützung anderer Menschen bemühe. Also alles kein Problem?

Prinzipiell ist Klarheit gesellschaftlicher Regelungen (gerade für Autisten ;-)) ja zu begrüßen. Doch halte ich den Ansatz für grundverkehrt. Welche Auswirkungen das für von der Neuregelung (und jetzt wirklich mal) Betroffene haben wird, wird sich zeigen, ist aber in der Tendenz absehbar. Dazu einige Überlegungen:

1. Eine Teilhabebeeinträchtigung anhand von sozialen Anpassungsschwierigkeiten festzustellen ist in etwa so als würde der GdB bei Menschen mit beeinträchtigter Mobilität anhand ihrer Fähigkeit diese zu kompensieren ermittelt werden. Dies ist auch nicht die Praxis.

2. Die Fähigkeit zur sozialen Anpassung trifft keine Aussage über die Beeinträchtigung durch Autismus, sondern über kognitive Fähigkeiten des Autisten, seine Entwicklung samt exogener Einflüsse und die Erwartungen der Gesellschaft, in der er lebt.

3. Soziale Anpassung liegt nicht im eigenen Interesse des Autisten (oder anderer atypischer Personen), sondern sind Maßnahmen um in der Gesellschaft als Mensch mit Würde anerkannt und behandelt zu werden sowie um Stigmatisierungen und Ausgrenzung aufgrund abweichenden Verhaltens möglichst gering zu halten. Diese Anpassung bedeuten für den Autisten eine außergewöhnliche Anstrengung, Stress und haben Burnout-Symptomatik samt depressiver Verstimmungen zur Folge.

4. Gesellschaftliche Teilhabe wird von allen Menschen gewünscht. Für Autisten bedeuten sie in jedem Fall eine Belastung durch Reizüberflutungen, Panikattacken und Anstrengungen wie unter 3. beschrieben.

5. Die Entfaltung von Fähigkeiten autistischer Individuen wird in der Regel durch eine ihnen nicht angemessene Erziehung und Bildung beeinträchtigt. Dem zugrunde liegt ein Verständnis von Inklusion unter dem Normalisierungsparadigma. 😡

6. Um Autisten, die in einem festen Anstellungs- / Arbeitsverhältnis stehen, beispielsweise durch das Recht auf etwas mehr Urlaub und einen ihrer Beeinträchtigung angemessenen Arbeitsplatz zu entlasten und ihre Leistungen anzuerkennen, fehlt es nun der rechtlichen Grundlage. Um Nachteilsausgleich in Anspruch nehmen zu können, bedarf es eines GdB von 50 oder mehr. Autisten, denen zur Kompensation ihrer Beeinträchtigungen mit „besondere(r) Förderung oder Unterstützung“ nicht zu helfen ist oder diese ablehnen (Autonomie und Selbstbestimmung und so), dürfte nach den neuen Bestimmungen der VersMedV allenfalls ein GdB von 20 anerkannt werden.

7. Vielen Autisten ist es nicht möglich in ein solches Lohnverhältnis zu gelangen. Trotz geeigneter Qualifikation ist ein Scheitern am Vorstellungsgespräch die Regel. Der gelobte freie Markt ist eine Alternative, die den meisten aufgrund mangelnden Kapitals und zu vieler Unwägbarkeiten keine Chance bietet. Für eine Beschäftigung in sogenannten geschützten Einrichtungen sind Autisten häufig schlichtweg überqualifiziert, aufgrund der Strukturen dort (Gruppenbeschäftigung, keine Rückzugsmöglichkeiten) ist keine adäquate Arbeitsumgebung gegeben. Unterstützung durch die Arbeitsagentur der prekären Situation zu entkommen ist zwar sowieso nicht zu erwarten, jedoch kann man davon ausgehen, dass der Druck auf Autisten mit nun geringerem GdB zunehmen wird.

8. Die Erwägung von Komorbiditäten wie beispielsweise Aufmerksamkeits-Defizit-Störung, Mutismus, Angststörungen oder Folgen von Traumata zur Feststellung eines GdB, um ein Recht auf Nachteilsausgleich zu erlangen, erfordert weitere Diagnosen und sind vermutlich nicht zielführend. Für die meisten Autismus-üblichen Komorbiditäten gibt es in der Anlage zu VersMedV §2 keine Regelungen. Für Menschen mit Dyspraxie2 ist ein Herumärgern mit den Ermessensentscheidungen von Diagnostikern und Sachbearbeitern wenig aussichtsreich. Allein der Gedanke daran dürfte depressive oder manische Zustände auslösen.

9. Solange Autisten nicht von der neurotypischen Herrschaft emanzipiert sind, könnte die Anerkennung als durch die Gesellschaft schwer beeinträchtigte Menschen immerhin von Autisten als symbolische Kompensation für Ausgrenzung und Stigmatisierung verstanden werden. Allerdings wäre dies anderen als atypisch qualifizierten Personengruppen gegenüber nicht gerecht.

10. Zwar hat autismus Deutschland e.V. eine Stellungnahme zu der Änderung aus Elternperspektive artikuliert, aus den Selbstvertretungsorganisationen ist jedoch nur Stille zu vernehmen.

11. Wie oben beschrieben, sagt die Fähigkeit zur sozialen Anpassung nichts über einen „Grad des Autismus“ aus. In den nächsten Ausgaben des DSM und der ICD wird es statt verschiedener Diagnosen wie Frühkindlicher Autismus und Asperger-Syndrom nur noch eine Autismus-Spektrum-Störung geben, der der Diagnostiker dann einen Schweregrad zuordnen soll. Zwei Artikel von Michelle Dawson beschäftigen sich mit der Unsinnigkeit dieses Unterfangens: „Notes on autism severity and the DSM-V“ und „What is severe autism?“ Ersteren habe ich vor in den nächsten Tagen hier übersetzt zu veröffentlichen.

  1. „GdS und GdB werden nach gleichen Grundsätzen bemessen.“ VersMedV, Anlage zu §2, Teil A, Punkt 2a []
  2. Der Begriff ist hier metaphorisch gemeint, gemeint sind die Schwierigkeiten verängstigende, scheinbar nicht zu bewältigende Aufgaben anzugehen. []

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